Scylla


Scylla

SCYLLA, æ, Gr. Σκύλλα, ης, ( Tab. V.)

1 §. Namen. Diesen leiten einige von σκυλλάω, ich beraube, her. Nat. Com. l. VIII. c. 12. Andere holen ihn von σκύλλειν, plagen, und die dritten von σκύλλαξ, ein junger Hund. Becmann. Orig. L. L. in Charybdis. Alle diese Ableitungen können, wie aus dem folgenden erhellen wird, ihre Deutungen auf solche Scylla haben. Noch andere leiten ihn von dem Phönicischen Scot her, welches so viel, als Verderben, heißt, und sehen damit auf den Untergang der Schiffe, welcher sich bey solcher Scylla erängele. Bochart. Chan. l. I. c. 26.

2 §. Aeltern. Ihre Aeltern waren, nach einigen, Typhon und Echidna; Hygin. Præf. p. 15. nach andern Phorcyn und die Kratäis, eine Nymphe; Serv. ad Virgi. Aen. III. v. 420. nach den dritten, Phorcyn und Hekate; Apollon. l. IV. v. 828. nach den vierten Phorbas und Hekate; Auctor magnar. Eoar. ap. Schol. Apollon. ad l. c. wie, wohl ihr auch noch andere bald die Persea, bald die Lamia, zur Mutter geben. Ap. Muncker ad Hygin. Fab. 199.

3 §. Wesen und Schicksal. Sie war im Anfange ein sehr schönes Frauenzimmer, in welches sich Glaukus verliebet hatte. Weil aber Circe demselben nachgieng, so verdroß es sie, daß ihr Scylla vorgezogen wurde. Sie richtete daher das Wasser, in welchem sich dieselbe zu baden pflegte, durch ihre Zauberey dergestalt zu, daß der Scylla, als sie wieder hinein stieg, am Unterleibe lauter Hundesköpfe empor wuchsen, wodurch sie dergestalt erbittert wurde, daß sie hernach den Vorbeyschiffenden auf alle Art und Weise zu schaden suchte. Hygin. Fab. 199. Andere wollen, sie habe mit dem Neptun ihre Gemein. schaft gehabt, und ihr daher dessen Gemahlinn, Amphitrite, solchen Possen erwiesen; und zwar soll sie sechs Köpfe an sich gehabt haben, als einen Hunde- Löwen- Medusen-Walfisch- Menschen- und Raupenkopf. Tzetzes ad Lycophr. v. 45. & v. 650. Dagegen schreiben ihr andere deren nur drey zu. Anax. ap. Ath. l. XIII. c. 1. p. 558. Auf einer tarsischen Münze aber scheint sie deren gar viere zu haben. Spanh. de V. & Pr. num. T. I. p. 262. Der älteste Dichter giebt sie für ein Ungeheuer aus, welches in einer Höhle wohne, und mit seinem Hintertheile an solcher angewachsen sey. Es soll zwölf unbrauchbare Beine und sechs lange Hälse mit erschrecklichen Köpfen und Rachen haben, in deren edem drey starke und dichte Reihen Zähne sitzen, die alles todt beißen. Diese Kopfe stecket es hervor, wenn es sich gleich bis mitten an den Leib in die Höhle zieht. Homer. Odys. Μ. v. 55. Sie soll auch, nach einigen, hinten hinaus eine Schlange; Nat. Com. l. VIII. c. 12. nach andern aber ein Pristix, oder eine Art eines Walfisches, gewesen seyn. Virgil. Aen. III. v. 427. Dabey soll sie feurige Augen und einen solchen langen Hals gehabt haben, daß sie die Schiffe auch von ferne erlangen können. Nat. Com. l. c. Sie entführete mit solchem dem Herkules einige von Geryons Rindern: wurde aber dafür von ihm hingerichtet; jedoch kochte sie ihr Vater Phorcyn darauf und machte sie wieder lebendig. Tzetz. ad Lycophr. v. 45. Sie ergriff nachher noch sechs Leute von des Ulysses Volke, als er bey ihr vorüber fuhr, und verschlang sie. Homer. l. c. v. 110. & 245.

4 §. Bildung. Auf einem herkulanischen Gemälde ist sie mit einem erbitterten Gesichte und einem Ruder vorgestellet, welches sie mit beyden Händen aufgehoben hat, als wenn sie gleich damit zuschlagen wollte. Um ihren Hals und zwischen den Brüsten schlingt sich eine Schnur, die mit den ausgefaseten Enden frey fliegt. Von dem Nabel an theilet sie sich in zwey schuppichte Blätter, oder Fischschwänze, unter welchem sich drey Köpfe zeigen. Der erste scheint ein Wolfs- oder Hundekopf zu seyn, und schnappet nach der Brust eines nahe dabey befindlichen jungen Menschen. Der zweyte ist ein Pferdekopf, und beißt einen Knaben auf den Kopf; der dritte ist auch von einem Pferde, und hat einen Menschen in die Schultern gefasset. Pitt. ant d'Ercolano. T. III. tav. 21. Auf einer erhabenen Arbeit in der Villa Madama aber endet sie sich in einen Fisch, an dessen Leibe zu beyden Seiten zwey Seethiere wie Seehunde befestiget sind, welche Kinder im Rachen haben. Winkelm. Mon. ant. 37. p. 43. Ein geschnittener Stein zeiget sie ebenfalls mit einem von beyden Händen aufgehabenen Ruder, womit sie auf einen Menschen losschlagen zu wollen scheint, den sie mit einem ihrer Fischschwänze um schlungen hält. Wilde sel. gem. ant. n. 52. Mit den doppelten Fischschwänzen und dazwischen befindlichen dreyen Hundeköpfen, wie auch dem mit beyden Händen aufgehobenen Ruder findet man sie auch auf einigen Münzen der pompejischen Familie. Beg. Thes. Brand. T. II. p. 574. Haverc. Thes. Morell. T. I. p. 237.

5 §. Eigentliche Beschaffenheit. An sich ist sie ein hoher Felsen, an der italienischen Küste, gegen Sicilien über, welcher unten hohl ist, und daher einen fürchterlichen Schall giebt, wenn das Wasser an selbigen anschlägt. Tzetz. ad Lycophr. v. 45. Er machet ein Vor gebirg, welchem die Einbildungskraft die Gestalt einer Frauensperson gegeben, und worunter große Höhlen sind, in denen sich ungeheure Seethiere auf halten. Schol. Apollon. IV. 825. & 828. Allein, andere verstehen durch sie ein besonderes Raubschiff dieses Namens, welches seine Caperey insonderheit auf dem tyrrhenischen Meere und an den sicilianischen Küsten getrieben, von dem gesaget worden, es habe andere Schiffe verschlungen, wenn es solche erobert und weggenommen hat. Palæphat. de Incred. c. 21. Noch andere deuten sie auf eine berufene Buhlerinn, welche diejenigen, die ihr und ihrem Anhange in die Klauen gerathen, rein auszuziehen und also gleichsam zu fressen geschienen. Heraclit. de Incred. c. 2.

6 §. Anderweitige Deutung. Diese kann gar mannichfaltig seyn, jedoch ist diejenige wohl die beste, welche durch den Weg, zwischen ihr und der Charybdis hin, die Mittelstraße, und also die Tugend, durch sie beyde aber die beyden äußersten Enden, oder die Laster versteht, auf welche einer gerathen muß, der von der Tugend abweicht. Natal. Com. l. VIII. c. 12. Allzu tief aber ist es wohl gesuchet, wenn manche durch die Scylla die Klippen der Unterscheidungen in den Wissenschaften, durch die Charybdis aber die Voragines des Vulversalismi verstehen. Baco Verulam. Sap. Vet. c. 27.


http://www.zeno.org/Hederich-1770.