Iphigenia


Iphigenia

IPHIGENIA, æ, Gr. Ἰφιγένεια, ας, ( Tab. XXX.)

1 §. Namen. Dieser soll ursprünglich von Jephtha herkommen, woraus Iphis gemacht worden, und Iphigenia, so viel als genita ex Iphe, oder Jephtha Tochter heißen. Voss. Theol. gent. l. I. c. 23. Sie hieß aber auch, nach einigen, Iphianassa, Lucret. l. I. v. 85. Dieß soll eben wie Iphigenia, aus Iphis für Jephtha, und ἄνασσα, Königinn, zusammen gesetzet seyn. Voss. l. c. Allein, nach noch andern, kömmt er von Ἴφι, welches mit Gewalt heißt; weil Theseus die Helena gewaltsamer Weise entführet und sie mit ihr gezeuget hat. Sie hieß auch daher selbst Iphis. Etymol. magn. in h. v. Cf. Muncker. ad Hygin. Fab. 98.

2 §. Aeltern. Insgemein wird sie für eine Tochter des Agamemnons und der Klytämnestra angegeben; Hygin. Fab. 98. Allein die, welche die Historie genauer wissen wollen, geben sie für eine Tochter des Theseus und der Helena aus. Weil aber dieser Schwester, die besagte Klytämnestra, nicht gern gewollt, daß offenbar werde, wie sie von dem Theseus nicht als Jungfer zurück gekommen, so habe sie diese Iphigenia für ihre eigene Tochter ausgegeben, und es den Agamemnon selbst, nebst andern mehr, also beredet. Nicander ap. Ant. Liberal. c. 27. & Duris Samius ap. Tzetz. ad Lycophr. v. 103. Doch wollen noch andere, Agamemnon habe sie nebst dem Chryses mit der Astynome, sonst Chryseis genannt, des Chryses Toch ter, gezeuget. Tzetzes ad Lycophr. v. 183. Cf. Mezir. sur les epit d'Ovid. T. I. p. 266. & 434.

3 §. Schicksal. Weil Agamemnon, da die Griechen mit ihrer Flotte zum Auslaufen wider Troja zu Aulis fertig lagen, eine Hindinn erschoß, die der Diana gewidmet war, so empfand es diese Göttinn so übel, daß sie durch eine besondere Windstille die Griechen gänzlich an ihrem Vorhaben hinderte Agamemnon fragete darauf die Wahrsager, und Kalchas erklärete ihm, Diana könne nicht anders, als durch Aufopferung der Iphigenia, besänftiget werden. Wie aber Agamemnon durchaus darein nicht willigen wollte, so giengen Ulysses und Diomedes nach Argos zurück, und beredeten die Klytämnestra, sie wären abgeschickt, die Iphigenia ins Lager zu holen, woselbst sie mit dem Achilles vermählet werden sollte. Sie brachten sie auch solcher Gestalt nach Aulis. Indem sie aber dieselbe opfern wollten, so erbarmete sich Diana ihrer, machte es düster um sie, führete sie durch die Wolken nach Taurica, und bestellete sie da zu ihrer Priesterinn, den Griechen hingegen schickete sie eine Hindinn an ihrer Stelle, welche sie ihr denn opferten. Hygin. Fab. 98. Euripid. Iphig. in Taur. prol. Cf. Ovid. Metam. XII. ab init. Einige wollen, es habe sie Agamem non endlich auf Bitte der griechischen Heerführer willig abfolgen lassen. Indem aber bey dem Opfer ein jeder die Augen von ihr abgewandt, habe sie Diana indessen weggerückt, und ein Kalb an ihrer Statt dargestellet. Nicand. ap. Ant. Liberal. c. 27. Timanthes hatte von dieser Aufopferung ein Gemälde gemacht, an welchem man sonderlich den Kunstgriff bewunderte, daß er Agamemnons Gesicht verhüllet, nachdem er alle Zeichen der Traurigkeit in der Umstehenden ihren erschöpfet hatte, weil er sich nicht getrauete den Schmerz eines Vaters bey dergleichen Gelegenheit recht natürlich auszudrücken. Plin. Hist. N. l. 35. c. 9. Noch andere wollen, Agamemnon sey seiner Oberbefehlshaberschaft entsetzet worden, weil er diese seine älteste Tochter nicht habe hergeben wollen; und, da sie endlich Ulysses durch seine List herbey gebracht, so habe Agamemnon gar die Flucht ergriffen, damit er ihre Abschlachtung nicht mit ansehen dürfte, bis ihn endlich Nestor, durch seine Beredsamkeit, wieder zurück gebracht. Allein, da man zur wirklichen Opferung schreiten wollen, so habe sich ein schrecklicher Sturm mit Donnern und Blitzen, sammt einem Erdbeben und dicker Finsterniß erhoben, wobey sich endlich eine Stimme aus dem Hayne der Diana hören lassen, die Göttinn verlange solches Opfer nicht. Zugleich habe Achilles einen Brief von der Klytämnestra erhalten, und verstanden, was mit der Iphigenia vorgehe. Er sey also zugelaufen, und habe allen denen den Tod gedrohet, die sich an ihr vergreifen würden, habe sie auch endlich heimlich dem Könige in Scythien zugeschickt und aufzubehalten befohlen. Dict. Cret. l. I. c. 19. 20. 21. Gleichwohl schlägt er Agamemnons Anbiethen, ihm eine von seinen Töchtern zu geben, auf eine hochmüthige Art aus. Hom. Il. I 388. Und dennoch ist er nach einigen sehr verliebt in sie gewesen, und soll so gar den Pyrrhus mit ihr gezeuget haben. Tzetzes ad Lycophr. v. 183. Ja, als er vernahm, daß sie von der Diana nach Taurica entführet worden, so suchete er sie auf, und kam bis an eine sehr schmale und lange Erdzunge, die seitdem von den Griechen δρόμος Ἀχιλλέως, des Achilles Laufbahn genannt worden. Scholtast Pind. ad Nem. IV. 80. & Schmid. ad h. l. p. 92. Nach einigen hat Diana, um sie zu erlösen, sie in eine Bärinn, nach andern, in eine alte Frau, nach den dritten, in einen Hirsch, und nach den vierten, in einen Ochsen verwandelt. Tzetz. ad Lycophr. v. 183. Jedoch wollen auch einige, sie sey wirklich geopfert worden. Cic. Off. l. III. c. 25. Lucret. de N. R. I. 85. Es behaupten aber ihre Erhaltung ungleich mehrere Schriftsteller, und sie war der Diana Priesterinn in Taurica so lange, bis endlich Orestes und Pylades dahin kamen, und von ihr erkannt wurden. Sie giengen darauf mit sammt der Bildsäule der Diana durch, und flüchteten sich erst zu dem Chryses nach Mösien, und sodann von dar weiter. Hygin. Fab. 120. Sieh Orestes. Als sie nach Delph kamen, so befand sich ihre Schwester, Elektra, daselbst, von der sie beynahe wäre umgebracht worden, wenn es Orestes nicht noch verhindert hätte. Id. Fab. 122. Sieh Electra. Endlich soll sie in die Insel Leuce gebracht, daselbst wieder jung und unsterblich gemacht, Orilochia genannt, und dem Achilles noch vermählet worden seyn, da er sich schon in der andern Welt befunden. Nicand. l. c. Ihr Begräbniß wies man indessen zu Megarä, woselbst sie auch gestorben seyn sollte. Pausan. Att. c. 42. p. 79. Jedoch wurde ihr prophezeyet, sie sollte zu Brauron begraben werden, wo sie in dem Tempel der Diana daselbst Priesterinn seyn und nach ihrem Tode große Ehre erhalten sollte, indem man ihr die Schleyer und die kostbarsten Kleider der gestorbenen Kindbetterinnen weihen würde. Eurip. Iphig. in Taur. 1462. Euripides hat zwey Trauerspiele von ihr verfertiget: Iphigenia in Aulis, welche ihre Aufopferung und Entführung enthält; und Iphigenia in Tauris, dessen Inhalt die Begebenheit mit dem Orestes und die Entführung des Dianenbildes ist.

4 §. Eigentliche Historie. Einige halten es allerdings für wahr, daß sie geopfert worden, Cic. Off. III. c. 25. Lucret. de N. R. I. 85. oder doch in Taurica Priesterinn gewesen: Tzetz. ad Lycophr. v. 183. Allein andere halten alles, was von ihr vorgegeben wird, nur für ein Gedicht, welches von der Tochter des Jephtha entlehnet worden. Voss. Theol. gent. l. I. c. 23. & Huet. Dem. Evang. Prop. IV. c. 14. p. 337. Man will auch wohl, daß ihre Geschichte von Abrahams Aufopferung seines Sohnes Isaac hergeholet sey. Bochurt. Hierozoic. l. II. c. 46.


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