Ganymédes

Ganymédes

GANYMÉDES, is, Gr. Γανυμήδης, έως, ( Tab. XXXI.)

1 §. Namen. Diesen leiten einige von γάνυμι, ich schmause, andere aber von ἄγαν, sehr, νὺ und μῆδος, Rath, her, Nat. Com. lib. IX. c. 13. Noch bessers hält man ihn aus γανύειν, froh machen, ein freundlich Gesicht zeigen, und μῆδος, zusammen gesetzet, da er denn so viel, als ein freundlicher angenehmer Rathgeber bedeutet. Dam. Lex. etymol. col. 2851. Lateinisch heißt er Catamitus. Festus lib. I. p. 19. 1. & 21. 15. lib. III. p. 70. Dieser Namen aber soll doch von Ganymedes in so fern gemacht seyn, daß man für γάνυσθαι auch γάδεσθαι gesaget habe. Becmann. Orig. L. L. in Ganymedes, s. p. 502.

2 §. Aeltern. Nach gemeinster Meynung war sein Vater Tros, König zu Troja, seine Mutter aber Kallirrhoe, Scamanders Tochter, und er also ein Bruder des Ilus und Assarakus. Apollod. l. II. c. 11. §. 2. Tzetz. ad Lycopbr. v. 1232. Hingegen machen andere ihn bald zu des Erichthonius Sohne, und also zu seines Vaters Bruder, Hygin. Fab. 271. bald zu des Assarakus und also zu seines Bruders Sohne, Id. Fab. 124. und die dritten zu Laomedons Bruder, und folglich wieder zu einem Sohne seines andern Bruders, Ilus. Cic. Tuscul. l. I. c. 26. p. 1113. & Tzetz. ad Lycophr. v. 34.

3 §. Begebenheiten. Er war von einer ungemeinen Schönheit. Homer. Il. Υ. v. 234. Als er daher dereinst, nach einigen, auf dem Berge Ida, Virgil. Aen. III. 252. & Horat. lib. III. Od. 20. v. 16. nach andern, bey dem dardanischen Vorgebirge, Strabo. l. XIII. p. 587. und, nach den dritten, an den cyzicenischen Gränzen und dem hernachmals so benannten Orte, Harpagia, Strabo l. c. & Steph. Byz. in Ἁρπάγια, jagete, so schickete Jupiter einen Adler ab, und ließ ihn entführen; Horat. lib. IV. Od. 4. v. 4. oder er verwandelte sich auch selbst in einen Adler, und führete ihn also in den Himmel. Poeta Græcus ap. Nat. Com. l. IX. c. 13. Diese Begebenheit ist auf verschiedenen alten geschnittenen Steinen vorgestellet. Auf einem derselben fasset ihn der Adler mit den Klauen um den Leib und führet ihn in die Höhe, wobey er einen Wurfspieß in der Hand hat, und ein Gefäß zum Einschenken vor ihm liegt, sein neues Amt dadurch zu bezeichnen. Maffei gem. ant. T. II. t. 28. Auf einem andern, welcher aber der Erzählung nicht so gemäß kömmt, sitzt er auf dem Rücken des Adlers, der mit seinen Klauen dessen Beine hält, da er selbst ihn um den Hals fasset. Gravelle Reeueil. T. I. t. 41. Kipping. Antiq. Rom. p. 95. In dem Himmel wurde Ganymedes, an statt der Hebe, Jupiters und der andern Götter Mundschenk. Homer. l. c. Apollod. l. III. c. 11. §. 2. Hierauf deuten gleichfalls einige Gemmen, wo er auf einem Hügel sitzt, und mit der einen Hand dem Adler eine Schale vorhält, die andere aber auf dessen Halse liegen hat, den er nach der Schale krümmet, indem er die eine Klaue an des Ganymedes Knie stellet. Maffei l. c. tav. 27. Mariet. des pier. grav. T. II. t. 52. Auf einem andern zieht er mit seiner Klaue das Trinkgefäß gleichsam nieder, und hier hat Ganymedes eine phrygische Mütze auf. Montfauc. antiq. expliq. T. I. P. I. t. 19. Dergleichen trägt er noch auf einem Paar andern, wo er auf dem ersten einen Schäferstab im Arme liegen hat, da er dem auf einem Steine oder Altare vor ihm stehenden Adler das Trinkgeschirr vorhält, auf dem andern aber aufgerichtet steht, einen Köcher nebst einem Mantel auf dem Rücken hat, und dem Adler liebkoset. Das Trinkgefäß aber steht auf einer Säule hinter dem Adler vor ihm. Gorii gem. ant. ex thes. Mediceo, t. 56. Anderer zu geschweigen. S. Lipperts Daktyl. I Taus. 17 u. ff S. Nach andern brauchete ihn Jupiter zu seinem schändlichen Willen. Serv. ad Virg. Aen. I. 28. Festus l. III. p. 70. Er verehrete nachher für ihn dem Laomedon einige besondere Pferde, wofür Herkules hernach dessen Tochter, Hesione, von dem Cetus befreyete. Apollod. lib. II. c. 4. §. 9. Der Adler wurde für seine Dienste so, wie Ganymedes selbst, mit unter die Sterne versetzet, wo er der Wassermann im Thierkreise seyn soll. Eratosthen. Cataster. 30. & 26 Hygin. Astron. Poet. l. II. c. 29.

4 §. Wahre Historie. Als Tros die Stadt und das Schloß zu Troja erbauet, und überhaupt sich in einen ziemlich guten Zustand gesetzet hatte, so schickete er diesen seinen Sohn mit funfzig Mann nach Lydien, daselbst dem europäischen Jupiter ein Dankopfer zu bringen. Weil aber Tantalus, als damaliger König in Lydien, solche Abgeordneten für Kundschafter ansah, so ließ er sie insgesammt gefangen nehmen, jedoch aber auch, als er ihr Absehen vernahm, sie wieder auf freyen Fuß stellen. Indessen wurde Ganymedes krank und starb; daher er denn die übrigen wieder zurück gehen, und solches ihrem Könige, dem Tros, hinterbringen ließ: die Leiche des Ganymedes aber behielt er bey sich, und ließ sie in den Tempel des nur besagten Jupiters setzen, daher denn die Poeten gedichtet haben, er sey von solchem geraubet worden. Suidas in Ἴλιον, s. T. II. p. 114. Cedrenus ap. Kuster. ad l. c. Nach einigen war besagter Tantalus König in Phrygien und Paphlagonien. Wie er nun den Ganymedes seiner Schönheit wegen geraubet; so wollte er ihn auch dem Tros auf keine Art wieder geben. Es kam daher zwischen beyden Königen zu einem großen Kriege; Phanocles ap. Euseb. ad A. 42. Ehudi. und des Tros Sohn, Ilus, setzete solchen wider des Tantalus Sohn, den Pelops, so nachdrücklich fort, daß dieser endlich nach Griechenland fliehen mußte. Marsham Can. Chron. Sæc. XI. p. 300. cf. Lœscher. in Iöne lib. I. l. c. II. §. 13. Gleichwohl geben einige nicht den Tantalus, sondern den Minos aus Kreta für des Ganymedes Räuber an, als der unter dem Scheine guter Freundschaft bey dem Tros eingekehret, den Ganymedes aber auf der Jagd hernach aufheben lassen, und also mit sich nach Kreta genommen, woselbst sich dieser denn aus Verdrusse erstochen. Weil ihn nun Minos in des Jupiters Tempel beysetzen lassen, so habe man gedichtet, er befinde sich bey dem Jupiter im Himmel. Suidas in Μίνως, s. T. II. p. 565. Wenigstens ist es nicht unwahrscheinlich, daß der Jupiter nichts, als ein bloßer König, gewesen, da solches ein gemeiner Ehrennamen der Könige war. So ist auch der Adler, dessen sich Jupiter bedienet, entweder ein Schiff gewesen, welches einen Adler zum Zeichen gehabt, Voss. Theol. gent. l. I. c. 14. oder erwähnter König hat dergleichen in seinen Fahnen geführet. Fulgent. Mythol. l. I. c. 25.

5 §. Anderweitige Deutung. Wie einige seine Schönheit nicht auf die Schönheit des Leibes, sondern des Gemüthes, oder seine Klugheit und Tugend deuten: also wollen sie, daß er auch wegen solcher von dem Jupiter geliebet, und in den Himmel genommen worden, weil dergleichen gute Eigenschaften von Gott und großen Leuten geliebet werden. Cic. Tuseul. l. I. c. 26. p. 1113. & Aehil. Bochius ap. Masen. Spec. ver. occ. c. 22. n. 6. Jedoch soll auch die ganze Fabel bloß zur Beschönigung unnatürlicher Lüste seyn erfunden worden. Arnob. adv. gent. L. V. p. 352. Allgem. Welth. IV B. 596 S. Anm. E.


http://www.zeno.org/Hederich-1770.

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