Telephvs


Telephvs

TELĔPHVS, i, Gr. Τήλεφος, ου, ( Tab. XVII.)

1 §. Namen. Dieser ist von θηλάσαι, säugen, und ἔλαφος, Hindinn, zusammen gesetzet, und wurde ihm von den Hirten gegeben, welche fanden, daß ihn eine Hindinn säugete. Hygin. Fab. 99. & Apollod. l. III. c. 9. §. 1.

2 §. Aeltern und Geburt. Als Herkules einstens ungefähr durch Tegea gieng, so stieß er auf des Aleus Tochter, Auge, und brauchte dieselbe zu seinem Willen. Sie verbarg darauf den Sohn, mit dem sie von ihm niedergekommen, in dem Hayne der Minerva. Allein. als deshalber das Land eine große Theurung befiel, und Aleus das Orakel deswegen befragete, so erhielt er zur Antwort, es läge in dem Hayne eine Gottlosigkeit. Bey Durchsuchung desselben kam er also hinter seiner Tochter begangenen Fehler. Er gab sie darauf dem Nauplius, sie in ein fremdes Land zu verkaufen, das Kind aber ließ er auf dem Berge Parthenio wegsetzen. Hier erbarmete sich eine Hindinn desselben, und ließ es an sich saugen. Dieß sahen einige Hirten des Korythus, und nahmen das Kind zu sich, welches sie von dieser Begebenheit Telephus nannten. Apollod. l. II. c. 7. §. 8. & l. III. c. 9. §. 1. Hygin. Fab. 99. & Tzetz. ad Lycophr. v. 206. Andere Erzählungen von seiner Geburt sehe man in dem Artikel Auge. Diese Hirten brachten das Kind ihrem Herrn nach Hause, der es denn mit allen Freuden annahm, und, weil er sonst keine Kinder hatte, solchen Telephus an Sohnes Statt auferzog. Diod. Sic. l. IV. c. 33. p. 107. Man meynet, diese Wegsetzung noch auf einer tarsischen Münze des Maximins ausgedrücket zu sehen, worauf sich ein unbärtiger Herkules befindet, der sich mit der rechten auf seine Keule stützet, unter welcher ein Ochsenkopf ist. In der linken Hand hat er einen Zweig und ein Kind auf der Löwenhaut sitzend, welches sich mit ausgestreckten Armen nach einem Thiere hinunter beugt, das gegen ihn hinauf sieht. Frœl. tentam. p. 316. Andere wollen gleichwohl nur einen Hund, der dem Herkules gefolget, aus diesem Thiere machen, und geben das Kind für den Hyllus aus. Liebe Gotha numar. p. 382. Eben so muthmaßet man, diese Begebenheit auf einem schönen alten Gemälde zu finden, dessen allegorische Vorstellungen aber es schwer zu erklären machen. Ein junger Knabe liegt unter einer Hindinn, die seine linke Lende lecket und deren Zitzen er angesasset hat, und daran sauget; welches Telephus seyn soll. Ueber ihm sitzt ein majestätisches Frauenzimmer mit Bluhmen gekrönet und einer hasta rustica in ihrer linken Hand, an deren Goldfinger ein großer Ring stecket. Sie trägt Armbänder, und hat einen Korb mit Früchten, nämlich Granatäpfel und Trauben, neben sich. Man hält sie für die Schutzgöttinn des weggesetzten Kindes, oder die Tellus, die von den Griechen die Kinderamme, κουροτρόφος, genannt wird. Da sie mit der Cybele einerley ist, so hat man sie vermuthlich durch den zahmen Löwen noch kenntlicher machen wollen, der ruhig an ihrem linken Fuße liegt. Gleichwohl meynen andere, es werde Mysien darunter verstanden, wo Telephus weggesetzet worden, oder doch nachher regierte; wofern es nicht Arkadien seyn könnte. Hinter ihr steht ein junger mit Laube bekränzter Mensch, der in der Rechten eine Rohrflöte und in der Linken einen Hirtenstab hält, auch mit einer Tiegerhaut umgeben ist. Dieser soll den Pan oder Faunus vorstellen, und zu mehrer Bezeichnung der gedachten Göttinn dienen. Vor ihr befindet sich eine bärtige starke Mannsperson, die einen Köcher voller Pfeile mit einem Bogen umhängen, und unter dem linken Arme eine Löwenhaut hat, die rechte Hand aber auf dem Rücken hält. Sein Haupt ist mit einer Binde und Lorbern umgeben. Es soll Herkules seyn, und er scheint von einer jungen Frauensperson mit Flügeln, die man für die Vorsehung ausgiebt, hergebracht worden. Ihr Haar ist mit Olivenzweigen bekränzet, und sie trägt in ihrer Linken einige Kornähren. Mit der Rechten weist sie auf das Kind unten, und scheint mit dem Herkules zu reden, der voller Erstaunen auf dasselbe hinab sieht. Zwischen ihm und der Hindinn und dem Kinde sitzt noch ein Adler mit ausgebreiteten Flügeln, dessen Deutung man nicht angeben kann. Le pitt. ant. d'Ercol. T. I. tav. VI.

3 §. Thaten und Schicksal. Nachdem er seine Jahre erreicht hatte, so war er begierig, seine Mutter kennen zu lernen, und fragte daher das Orakel zu Delph. Dieses verwies ihn an den Teuthras, König in Mysien. Diod. Sic. l. IV. c. 33. p. 167. Als er mit seinem Gefährten, dem Parthenopäus, zu ihm kam, so wurde er eben von seinen Feinden sehr bedränget. Er versprach also dem Telephus die Auge zur Gemahlinn, wenn er ihm seinen Beystand leisten würde. Telephus that solches mit gutem Erfolge, und Auge wurde ihm übergeben, da sie denn einander, als Mutter und Sohn, erkannten Hygin. Fab. 100. Sieh Auge. Man sieht dieses Erkennen noch in einer der schönsten erhobenen Arbeiten im ruspolischen Pallaste vorgestellet. Winkelmanns Anmerk, 50 S. Ej. Monum. ant. 72. p. 97. Es gab ihm daher Teuthras für selbige, seine eigene Tochter, Argiope; und, als er starb, hinterließ er ihm auch sein Reich dazu. Diod. Sic. l. c. Er besaß solches noch, da die Griechen vor Troja giengen. Auf diesem Zuge kamen sie ungefähr nach Mysien und wollten daselbst anländen. Die ausgesetzte Wache aber suchte solches auf alle Art zu wehren. Hierüber kam es, weil sich die Griechen nicht zu erkennen geben wollten, zu einem harten Gefechte zwischen beyden Parteyen, wo endlich die Wache weichen mußte. So bald Telephus erfuhr, was vorgieng, so machte er sich mit allem, was er von Volke in der Eil zusammen bringen konnte, den Seinigen zu Hülfe, erlegete auch selbst den Thersander, des Polynices Sohn. Allein, als insonderheit Achilles und Ajax sich vor die Ihrigen stelleten, und letzterer zuförderst den Teuthranius, des Telephus Halbbruder, erlegete, so wollte dieser es rächen, und setzte besonders dem Ulysses hart zu. Weil er aber den Bacchus zum Feinde hatte, so ließ dieser alsofort einen Weinranken hervor wachsen, in welchem er sich verwickelte und fiel, da ihm denn Achilles einen Stoß mit seinem Spieße in die linke Hüfte beybrachte. Indessen brach die Nacht ein, und es gerieth zu einigem Stillstande. Während desselben erkannten beyde Parteyen ihre Feinde, und machten darauf gar gute Freund schaft mit einander. Indessen erlitt Telephus ungemeine Schmerzen von seiner empfangenen Wunde, und wollte auf keine Art wider den Priamus mit zu Felde ziehen, weil er dessen Tochter, Astyoche, zur Gemahlinn hatte. Er dienete aber doch den Griechen mit seinem Rathe; und, als er sie bedeutete, daß sie bey damaliger Jahreszeit nicht würden nach Troja kommen können, so giengen sie aus Mysien nach Böotien zurück. Dict. Cret. l. II. c. 1.–6 Tzetz. ad Lycophr. 209. Wie aber immittelst des Telephus Wunde immer ärger und ärger wurde, so fragete er endlich das Orakel um Rath. Dieses hieß ihm, von dem Hülfe zu suchen, der ihn verwundet hätte. Er machte sich daher zu dem Achilles nach Argos; und, als man von dem Spieße, womit er ihn verwundet hatte, etwas abschabete und auf die Wunde legete, so heilete solche bald zu. Id. ib. c. 16. Andere wollen, er habe sich zu dem Agamemnon begeben, und auf Rath der Klytämnestra dessen Sohn Orestes ergriffen und umzubringen gedrohet, wo er ihm nicht würde Rath schaffen, da ihm denn Achilles auf obbesagte Art um so viel lieber geholfen, weil den Griechen auch das Orakel gesaget, sie würden Troja, ohne den Telephus, nicht erobern. Ob sie ihn also gleich nicht selbst mit vor Troja bringen konnten, so hat er ihnen dennoch den Weg dahin gezeiget. Hygin. Fab. 101. Es soll aber, nach einigen, Achilles ihn nur mit dem abgeschabten Roste des Spießes geheilet haben; daher er denn vor Alters so gemalet worden, daß er mit seinem Schwerte den Rost von dem Spieße in die Wunde geschlagen. Nach andern soll er es mit einem Kraute gethan haben, welches daher Achilliskraut genennet worden. Plin. H. N. l. XXV. c. 5. Cf. Muncker. ad Hygin. Fab. 101. Anna Fabra ad Dict. l. II. c. 10. & Meziriac sur les ep. d'Ovid. T. I. p. 233. Indessen aber war doch Telephus nach der Zeit so unglücklich, daß er sein Reich verlassen, und im Elende herum wandern mußte; ob gleich nicht bekannt ist, wie er dazu gekommen. Wenigstens soll er so gar haben müssen betteln gehen. Voss. Instit. Orat. l. II. c. 8. §. 3. Er erwies sich daher auch durchgehends sehr klein. Amphis ap. Voss. l. c. & Horat. de Arte Poët. v. 96. Dieß veranlassete fast alle Tragödienschreiber, von ihm besondere Trauerspiele zu schreiben, dergleichen Aeschylus, Sophokles, Euripides, Ennius, Attius, und andere mehr gethan, die aber alle verloren gegangen sind. Fabric. Biblioth. Gr. l. II. c. 16. §. 7. c. 17. §. 3. c. 18. §. 3. & Biblioth. Lat. l. IV. c. 1. §. 4. n. 2. & n. 5. Doch wurde er nach seinem Tode noch als ein Heros verehret, und ihm wenigstens zu Pergamus feyerlich mit geopfert. Pausan. Eliac. prior. c. 13. p. 311.

4 §. Familie. Seine Gemahlinn war Argiope, des Teuthras Tochter; Diod. Sic. l. IV. c. 33. p. 167. nach welcher er aber die Astyoche, des Priamus Tochter, Dict. Cret. l. II. c. 5. oder Laomedons Tochter, Priams Schwester, heurathete. Eustath. ap. Ann. Fabr. ad Dict. l. c. Serv. ad Virg. Ecl. VI. v. 72. Andere nennen sie lieber Laodice. Hyg. Fab. 101. Mit dieser, sie habe nun geheissen, wie sie wolle, zeugete er den Eurypylus, dessen Sohn Grynus war. Serv. l. c.


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