Tartarvs


Tartarvs

TARTĂRVS, i, Gr. Τάρταρος, ου, ( Tab. I. V.)

1 §. Namen. Diesen hat er nach einigen ἀπὸ τῆς ταραχῆς, von der Verwirrung; oder ἀπὸ τοῦ ταρταρίζειν, vor Kälte zittern, indem die Sonne da gar nicht hinscheine. Serv. ad Virgil. Aen. VI. v. 577. Andere wollen, er heisse in phönicischer Sprache Tarahhtarahh, und habe den Namen von dem ebräischen tarahh, welches beydes so viel, als er hat Beschwerden verursachet, oder er hat weit entfernet, heißt, und sich gar wohl auf solchen Ort schicket. Cleric. ad Hesiod. Theog. v. 119.

2 §. Ursprung. Einige machen ihn zu einem Sohne des Aethers und der Erde; Hygin Præf. p. 2. andere hingegen melden nur, daß zuerst das Chaos entstanden, sodann die Erde, und drittens der Tartarus. Hesiod. Theog. v. 119.

3 §. Bewandniß. Es war solcher Tartarus der allerfinsterste Ort in der Hölle. Apollod. l. I. c. 1. §. 2. Er war so weit von der Erde, als diese von dem Himmel, entfernet, welches denn, wie man glaubete, eine solche Weite war, daß, wenn ein Ambos vom Himmel herab fiele, er erst die Erde den zehenten Tag erreichen würde, und sodann eben so viel Zeit brauchete, ehe er von solcher in den Tartarus hinab käme. Hesiod. Theog. v. 720. Hiernächst aber war er mit einer dreyfachen ehernen Mauer umgeben. Id. ib. v. 726. Virgil. Aen. VI. 548. Dabey hatte er eherne Thore, und auch einen Boden von Erzte. Homer. Il. Ο. v. 15. Außerdem umgab ihn der schnelle Feuerstrom Phlegethon. Virg. l. c. 550. So lag auch noch die Nacht in dreyfacher Ordnung um ihn herum, Hesiod. l. c. daß also die Sonne mit ihrem Lichte gar nicht dahin kommen konnte. Serv. ad Virgil. Aen. VI. v. 577. Es stund noch ein hoher eiserner Thurm da, auf welchem Tisiphone in einen blutigen Mantel gehüllt Tag und Nacht Wache hielt. Virg. l. c. 554. Dergleichen that Megära an den Thoren. Virgil. l. c. v. 574. & ad ipsum Serv. & Taubmann. l. c. Vor demselben hauseten alle Schreckbilder des Todes, als Kummer und Sorge, bleiche Krankheiten, trauriges Alter, Furcht, Hunger, Dürftigkeit u.d.g. Virg. l. c. 273. Solcher Tartarus war also eigentlich der Ort, wo man glaubete, daß die Seelen der Gottlosen, nach ihrem Tode, hinkämen, um daselbst beständig gepeiniget zu werden. Plato, Aeschylus, alii ap. Nat. Com. l. III. c. 11. Es befanden sich daher die Titanen, die Söhne des Alöus, Salmoneus, Tityus, Ixion, Pirithous u.a. mehr darinnen, und mußten ihre besonderen Qualen ausstehen. Virgil. l. c. v. 580.

4 §. Frau und Kinder. Ob nun also gleich der Tartarus ein gräuliches Gefängniß war, so sah man ihn dabey doch als eine Person an, und gab ihm die Erde zur Frau, zu Kindern aber die Giganten, den Enceladus, Cöus, Ophion, Asträus, Pelorus, Pallas, Phrutus, Klytius, Agrius, Alemon, Ephialtes, Eurytus, Echion, Corydon, Pheomis, Theodamas, Otus, Typhon, Polybocles, Menephiaraus, Abseus, Polophemus und Iapetus. Hygin. Præf. p. 4.

5 §. Wahre Beschaffenheit. So fern die Heyden nichts von der Hölle gehöret, und dennoch ihren Tartarus gedichtet hatten, so war solcher nichts, als eine gute Absicht, womit sie die Menschen von der Bosheit abzuhalten suchten. Nat. Com. l. III. c. 11. Im Grunde aber soll er eigentlich nur den Tod bedeutet haben. Struchtmeyer. Theolog. myth. l. III. c. 1. §. 2. Sein Vorhof kann für dieses Leben angesehen werden, worinnen Böse und Gute vermenget sind. Id. ib. c. 4. §. 9. & c. 8. §. 5. Doch bezeichnet er zuweilen auch nur die Tiefe der Erde. Id. ib. l. V. c. 1. §. 8. Gleichwohl meynet man, daß die alte Stadt Tartessus und der davon benannte Strich Landes am äußersten Ende Spaniens zu dieser Dichtung Anlaß gegeben. Strabo l. III. p. 149. Bochart. Chan. l. I. c. 34.


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