Dioscvri


Dioscvri

DIOSC ÉRI, órum, Gr. Διόσκουροι, ων, ( Tab. X.)

1 §. Namen. Diese heißen mit ihren besondern Namen Castor und Pollux, werden aber zusammen Dioscúri von Δεὺς, Διὸς, Jupiter, und κόρος, Knabe, und also gleichsam Jupiters Knaben oder Söhne genannt. Homer. Hymn. in Διοσκούρους v. 9. cf. Gyrald. Syntagm. V. p. 285. Von ihrem noch geheimern Namen sieh Anaces. Voss. Theol. gentil. l. I. c. 13.

2 §. Aeltern. Da ihrer dreyerley bey den Alten gewesen, so haben sie auch dreyerley Aeltern; und zwar werden für der ersten, welche Tritopatreus, Eubuleus und Dionysius geheißen, ihre Aeltern Jupiter und Proserpina, für der andern ihre, welche Kastor und Pollux gewesen, Jupiter und Leda, und für der dritten, welche Aleo, Melampus und Emolus geheißen, ihren Vater Atreus, des Pelops Sohn, angegeben; Cicero de N.D. l. III. c. 21. p. 1198. b. Jedoch da erstere und letztere eben in keine Betrachtung kommen; so zeugete die mittlern Jupiter, als er sich in einen Schwan verwandelt hatte, und mit seinem angenehmen Gesange verursachte, daß Leda ihm liebkosete, allein auch solchergestalt von ihm berückt und zu Falle gebracht wurde. Es fand sich aber ihr Mann, Tyndareus, die Nacht darauf auch zu ihr, und sie gebahr also nachher zwey Eyer, aus deren einem, welches vom Jupiter war, Pollux und Helena, und aus dem andern, welches des Tyndareus war, Kastor und Klytämnestra krochen. Jedoch wollen auch einige, daß Kastor, Pollux und Helena aus einem Eye entsprungen, und noch andere, daß zwar Pollux und Helena also entsprungen, Kastor und Klytämnestra aber ordentlicher Weise gebohren worden. Tzetz. ad Lycophr. v. 87. Es war aber ihr Geburtsort eigentlich die kleine steinichte Insel, Pephnos, an Lakonien, von dar sie Mercurius nach Pellanen brachte, wo sie denn vollends auferzogen wurden. Pausan. Lacon. c. 26. p. 213. Da sich nun benannte Insel so wohl die Lacedämonier, als die Messenier zueigneten, so wollten auch beyde Nationen die Ehre haben, daß solche vermeynte Götter bey ihnen gebohren worden. Paus. l. c. & Messen. c. 31. p. 276. Nach einer andern Sage sollen sie Sydyks Söhne gewesen seyn, und zuerst die Kunst, ein ganzes Schiff zu bauen, erfunden haben. Sanchon. ap. Euseb. Pr. Ev. L. I. c. 10. p. 35.

3 §. Thaten. Sie halfen das kalydonische Schwein mit erlegen. Hygin. Fab. 173. Nach diesem giengen sie mit nach Kolchis. Paus. Lacon. c. 9. p. 210. Auf dieser Fahrt erängele sich es denn insonderheit mit ihnen, daß sich bey entstandenem Sturme auf jedes Kopfe von ihnen ein Stern sehen ließ. Hygin. Fab. 14. p. 45. Wie aber sonst Pollux insonderheit ein guter Fechter war, also war Kastor ein guter Reuter: Homer. Il. Γ. v. 237. & Horat. l. II. Sat. I. v. 26. beyde aber zugleich gute Soldaten. Als daher Theseus und Pirithous ihnen in ihrer Abwesenheit ihre Schwester, die Helena, geraubet, und nach Aphidna, einem festen Orte in Attica gebracht hatten, so eroberten sie diesen Ort wieder mit Sturme, und befreyeten solchergestalt ihre Schwester, wobey sie auch des Theseus Mutter, die Aethra, als eine Gefangene dafür mit sich hinweg führeten. Plutarch. in Thes. c. 35. 36. Nach der Zeit raubeten sie dem Idas und Lynceus, des Aphareus Söhnen, ungeachtet sie Vettern zusammen waren, ihre Bräute, die Phöbe und Ilaira, des Leucippus Töchter; welche Begebenheit man noch in einer erhobenen Arbeit auf einem Sarkophagus in der Villa Medicea vorgestellet findet, wo Kastor und Pollux diese Prinzessinnen zum Wegtragen am Leibe angefasset haben. Winkelmanns Allegor. 46 S. Ej. Mon. ant. 61. Es kam dabey zwischen ihnen zu einem harten Gefechte, in welchem, nach einigen Lynceus dem Kastor seinen Wurfspieß durch das Herz jagete, allein darüber hinwiederum von dem Pollux nieder gemacht wurde. Als nun Idas den Lynceus rächen wollte, so schlug Jupiter mit dem Blitze nach ihm, daß er es unterlassen mußte. Ovid. Fast. V. 709. Nach andern aber erlegete Idas den Kastor, und Pollux dagegen den Lynceus. Apollod. lib. III. c. 10. §. ult. Jedoch wollen auch einige, daß Kastor den Lynceus erleget, Jupiter aber den Idas mit dem Blitze erschlagen habe. Theocrit. in Dioscur. s. Idyll. XXII. 202. Noch andere geben vor, daß Kastor die Ilaira ordentlicher Weise zur Gemahlinn genommen, und mit ihr den Anogon, wie Pollux mit der Phöbe den Mnesikleus gezeuget, beyde aber wären mit dem Ida und Lynceus darüber in Streit gerathen, daß, als sie alle viere eine Partie Rinder aus Arkadien erbeutet, und deren Theilung dem Ida überlassen, dieser ein Rind in vier Theile getheilet, und gesagt, wer am ersten ein Viertheil solches Rindes verzehren könnte, die Hälfte der Beute haben solle, und wer das nächste verzehre, solle die andere Hälfte bekommen. Darauf habe er sogleich das erste Viertheil für sich, und das andere für seinen Bruder gefressen, und mithin die ganze Heerde Vieh allein behalten, dem Kastor und Pollux aber nichts davon gegeben. Apollod. l. c. Immittelst wollte doch Jupiter seinem Sohne, dem Pollux, nach solcher Begebenheit eine Stelle am Himmel geben, der aber, aus Liebe zu dem Kastor, den Jupiter bat, daß, weil Kastor, als sterblich, dergleichen Ehre nicht auch haben könnte, er ihm vergönnen wollte, daß er die seinige mit ihm theilen möchte. Weil nun Jupiter solches gar wohl zufrieden war, so war Pollux einen Tag lebendig, Kastor hingegen todt, und den folgenden hingegen Kastor lebendig, und Pollux todt, und so wechselsweise fort. Homer. Od. Λ. v. 302. Hygin. Astron. Poet. l. II. c. 23. Dieß soll aber nicht der wahre Sinn der homerischen Erzählung seyn; sondern Pollux als der Unsterbliche wollte gern des Umganges mit seinem Bruder genießen; daher erkaufete er demselben dadurch das Leben, daß er selbst einen Tag mit ihm todt seyn wollte, wenn er nur den andern mit ihm leben könnte. Sie sind also beyde zusammen einen Tag lang todt und leben den andern beyde zusammen: aber dieß geschieht nach andern von sechs zu sechs Monaten. Damms Götterlehre 374 §. Jupiter setzte sie endlich beyde, dieser ungemeinen Liebe wegen, an den Himmel, woselbst sie noch die Zwillinge in dem Thierkreise seyn sollen. Eratosth. Catasterism. 10.

4 §. Verehrung. Sie sollen mit zu den Kabiren gehöret haben. Astor. de Diis Cabir. §. 7. Es läßt sich solches aber nicht wohl erweisen. Ban. Erl. der Götterl. II B. 502 S. Dagegen rechnet man sie zu den Anaken. Sieh diesen Artikel. Sie hatten ihren besondern Tempel zu Athen, Pausan. Att. c. 18. p. 30. und anderwärts mehr in Griechenland. Zuförderst aber wurden sie von den Lacedämoniern verehret, welche ihnen ihr besonders Fest, das Dioscuria hieß, feyerten, dergleichen denn auch die zu Cyrene thaten. Spanhem. ad Callim. Hymn. in Pall. v. 24. Bey den Römern hatten sie ihren berühmten Tempel auf dem römischen Markte, welcher ihnen erbauet wurde, da sie den Römern in der Schlacht mit den Lateinern ihre Hülfe geleistet, und, nach geendigter Schlacht, auch die erste Post nach Rom brachten und ihre Pferde selbst an der Juturna Brunnen abwuschen, sogleich aber wieder verschwanden. Dionys. Halic. A. R. l. VI. c. 2. Sie pflegten insonderheit von den Schiffenden, bey entstandenem Sturme, angerufen zu werden. Theocrit. Idyll. XXII. 17. Catull. Carm. LXIX. 62. & Apollon. lib. IV. 653. So bald sich nun ihre Sterne am Himmel blicken ließen, so glaubete man, daß es wieder gut Wetter werden würde. Horat. l. I. Od. 12. v. 25. & ad eum Desprez. Daher pflegten ihnen denn, als guten Göttern, weiße Lämmer geopfert zu werden. Homer. Hymn. in Dioscur. v. 10. Weil sie also sonderlich den Schiffahrern günstig waren, so haben viele Seestädte daher auch den Namen von ihnen angenommen. Wilde sel. num. ant. p. 58.

5 §. Bildung. Sie werden insgemein als zweene ansehnliche Jünglinge vorgestellet, die neben einander auf zweyen schönen weißen Pferden reiten, und deren jeder in der linken Hand einen Spieß führet, auf dem Kopfe aber einen oben rund zugehenden Hut ohne Rand hat, worauf zu oberst ein Stern steht. Dionys. Halic. l. VI. c. 2. cf. Pomey Panth. P. VI. p. 245. Jedoch führen sie die Spieße zuweilen in der rechten Hand, werden auch stehend ohne Pferde, oder gehend mit ihren Spießen in der Hand abgebildet. Beger. Thes. Brand. T. II. p. 587. Statt der Spieße haben sie auf einer Gemme so genannte Jacobsstäbe in den Händen und statt des Hutes eine Stralenkrone auf dem Haupte. Wilde sel gem. ant. p. 18. So sieht man sie auch oft auf Münzen nurs ihren Köpfen nach, jedoch neben einander, mit ihren Hüten, und Sternen darauf. Struv. Synt. I. p. 127. Spanhem. ad Callim. Hymn. in Pall. v. 24. Eine erhabene Arbeit in der Villa Albani zeiget beyde Helden in Lebensgröße. Pollux sitzt auf einem Steine und hinter dem vor ihm stehenden Kastor erblicket man dessen Pferd. Am Pollux wird hier die besondere Form der Pankratiastenohren wahrgenommen. Winkelm. Vorr. zur Alleg. V-VII S. Ej. Mon. ant. tab. 62. & 63. Auf einer Münze des Maxentius sieht man sie beyde neben ihren Pferden stehen, welche sie mit der einen Hand beym Zügel halten, da sie in der andern den Spieß haben. Beger. l. c. p. 794. In dieser Stellung findet man sie auch auf einigen geschnittenen Stei nen. Maffei gem. ant. T. III. tav. 76. Lipperts Dactyl. I Taus. 728. Auf einer Münze der postumischen Familie stehen sie neben ihren Pferden, die aus einem Brunnenbecken saufen, welches das Andenken ihrer Erscheinung an den Iuturnenbrunnen erhalten sollen. Beger. l. c. p. 578. Vrsini fam. Rom. ed. Patin. p. 231.


http://www.zeno.org/Hederich-1770.